NOVEMBER 05
Radio Radikal: Bildungspolitik
In der neuesten Sendung von RADIO RADIKAL geht es um ein Thema, mit dem alle früher oder später - eher früher - in Kontakt kommen: Es geht um Bildungspolitik.
Wie sind die Chancen verteilt, einen höheren Bildungsabschluss zu ereichen? Haben alle die gleichen Chancen? Auf keinen Fall! In keinem anderen EU-Land hängt der sogenannte Erfolg so stark von der sozialen Herkunft ab, wie in Deutschland.
In unserer Sendung nennen wir einige Statistiken, sprechen mit Prof. Michael Hartmann und telefonieren nach Finnland.
Die Sendung wurde am 1.11. 2005 um 21:04 Uhr im Bürgerfunk auf Antenne Münster (95,4) ausgestrahlt
Text zu sozialen Ungleichheiten im Bildungssystem:
In der heutigen Gesellschaft gibt es enorme Einkommensunterschiede. Sie sollen durch unterschiedliche Leistung gerechtfertigt werden, schließlich leben wir ja in einer sogenannten Leistungsgesellschaft. Aber ist das wirklich so? Hängen die Einkommen wirklich von den Leistungen ab? Oder nicht vielmehr von den Ausgangsbedingungen, also der sozialen Herkunft?
Prinzipiell hat zwar jede und jeder die Möglichkeit, zur gesellschaftlichen Elite zu gehören. Jedoch wird da einiges vergessen, in Realität sieht es etwas anders aus:
Erster Punkt: Kindern aus den unteren Bildungsschichten fehlt oft der familiäre Rückhalt für eine höhere Bildungslaufbahn. Zudem ist auch das fachliche Wissen der Familie eingeschränkt.
Zweiter Punkt: Das Geld spielt bei den Bildungschancen eine große Rolle: In welchen Stadtteilen stehen die besseren Schulen? In Stadtteilen mit hohen oder niedrigen mieten? Wer kann sich Nachhilfeunterricht leisten? Wer kann Studiengebühren bezahlen? Wer kann den Unterhalt während des Studiums finanzieren? Und was ist mit den ganzen Lernmaterialien?
Dritter Punkt: Das Verhalten der Schülerinnen oder Schüler beziehungsweise der Studierenden hat großen Einfluss auf die Bewertung. Je ähnlicher das eigene Verhalten dem des Lehrers oder der Professorin ist, um so besser sieht‘s für die Note aus. Und das Verhalten ist stark durch die soziale Herkunft bestimmt. Menschen aus Arbeiterfamilien verhalten sich einfach anders als die, deren Familien Mitglieder alle verbeamtet sind.
Das heißt, wenn man aus dem richtigen sozialen Umfeld kommt, hat man es wesentlich einfacher auch in eine Eliteposition zu kommen. Diese Tatsache wurde mehrmals nachgewiesen. So bekommen selbst bei gleichen Noten, Schülerinnen und Schüler aus unteren Bildungsschichten seltener eine Gymnasialempfehlung.
Später in der freien Wirtschaft hängt der sogenannte Erfolg noch stärker vom Verhalten ab, da die Auswahlverfahren nicht so sehr formalisiert sind und die Entscheidung eher vom persönlichen Eindruck der "Entscheider" abhängt. So ist auch zu erklären, warum vier von fünf Topmanagern, zwei von drei hohen Beamten und Richtern aus den obersten 3,5% der Gesellschaft kommen. Ist das ein Leistungsprinzip?
Es ist reine Ideologie zu glauben, jede und jeder könne durch eigene Leistung etwas erreichen und sei damit seines Glückes Schmied. Diese Ideologie rechtfertigt nur die krassen Einkommensunterschiede.
Von Chancengleichheit kann also keinesfalls gesprochen werden. Auch ist es völlig illusorisch zu glauben, bei ungleichen Startbedingungen zu einer Chancengleichheit zu kommen. Was können wir also machen?
Einerseits kann versucht werden, die Abhängigkeit von sozialer Herkunft und finanziellen Mitteln zu verringern, z.B. dadurch, dass Bildung kostenlos und frei zugänglich für alle ist. Konkret heißt das beispielsweise Studiengebühren zu verhindern.
Andererseits müssen aber auch die Ausgangsbedingungen angeglichen werden. Das bedeutet, dass Einkommensunterschiede geringer werden müssen und dafür ist eine Umverteilung von oben nach unten notwendig!
Interview mit Paula aus Finnland:
Hallo Paula!
Hallo!
Könntest du bitte das finnische Schulsystem in ein paar Sätzen vorstellen?
Wir haben ein System, das wird "Berruscolo" genannt, das heißt eine Gesamtschule in Finnland. Sie wurde in den 70ern eingeführt und es war ein großer politischer Kampf, den die Linken gewannen und diese Gesamtschule wurde eingeführt.
Grundsätzlich bedeutet das, dass jedes Kind zu der nächsten Schule geht, jedes Kind hat das Recht, einen Platz in der nächsten Schule zu bekommen und zwar für neun Jahre.
So gibt es keine Gruppen je nach Lernstand, keine Spezialisierung und keine unterschiedlichen Schulen für gute und schlechte Schülerinnen und Schüler. Also lernen alle Schülerinnen und Schüler in der gleichen Klasse das Gleiche in den ersten neun Jahren. Und alle Schulen sind öffentlich und die Schülerinnen und Schüler bekommen kostenlos Schulmaterialien und die Fahrten zur Schule und alles, was zum Lernen benötigt wird.
Was ist mit den Ergebnissen der PISA-Studien?
Finnische Schülerinnen und Schüler waren, danke ich, die besten in Mathematik und in Lesen und auch in den Naturwissenschaften. Und die Analyse der Ergebnisse war, dass die finnischen Schülerinnen und Schüler so gut waren, weil die Unterschiede zwischen den Schülerinnen und Schülern in Finnland geringer waren als in jedem anderen Land. Und auch die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen und zwischen Schulen waren geringer. Übrigens hat Finnland auch die gleiche menge an Geld in die Bildung gesteckt wie andere OECD-Länder. So scheint es, dass es an unserem System liegt, warum die Schülerinnen und Schüler so gut zurechtkommen. Anscheinend ist unser Bildungssystem gleichberechtigender als andere. Zum Beispiel lag der Anteil der Menschen, deren mathematische Fähigkeiten als ausreichend betrachtet werden, um in der Gesellschaft zu leben, in Finnland bei 93% und der Durchschnitt der OECD-Länder war 79%.
Finnland hat auch wenige Schülerinnen und Schüler, wirklich schlecht abgeschnitten haben. Und auch im Bereich Problemlösen hatte Finnland nur fünf Prozent derer, die als keine Problemlösungsfähigkeit besitzend angesehen werden und das ist dreimal weniger als in anderen OECD-Ländern.
Welche Gründe waren deiner Meinung nach wichtig für die guten Ergebnisse Finnlands in den PISA-Studien?
Ich denke, es ist die gleichheit des Bildungssystems, dass die Schulen kostenlos und öffentlich sind und dass meistens alle Schülerinnen und Schüler zu den gleichen Schulen und in die gleichen Klassen gehen und das gleiche lernen.
Ich denke, dass gute und talentierte Schülerinnen und Schüler gut mit anderen Schülerinnen und Schülern auskommen und es nützt auch denen, die aus finanziell nicht so starken Familien kommen oder die nicht so gut oder talentiert sind. Es nützt auch den guten Schülerinnen und Schülern, weil sie mit den anderen Schülerinnen und Schülern Fortschritte machen und auf sie warten und mit ihnen zusammenarbeiten und helfen. Dies sorgt auch für eine gute Atmosphäre.
Außerdem glaube ich auch, dass die finnische Gesellschaft diese Bildung anerkennt.
Zum Beispiel hat Finnland ein Drittel höher gebildeter Menschen, was der höchste Anteil innerhalb eines EU-Landes ist. 75% haben eine Berufsausbildung oder eine akademische Bildung.
Grundsätzlich gehen alle Bürgerinnen und Bürger durch diese neunjährige Gesamtschule.
Heutzutage wird in Finnland der Sozialstaat, denke ich, genauso wie auch in Deutschland zerstört. Welche Konsequenzen hat dies für das Bildungssystem?